Hamburg-gegen-Krebs: Darmkrebsvorsorge & mehr!

Strategien der Gesundheitsvorsorge   

"Hintergrund & Bewertung derzeit verfügbarer Gesundheitsvorsorge"         von Priv. Doz. Dr. Boris Brand, Regionalbeauftragter der Stiftung LebensBlicke, Hamburg.

 

Ziel der Stiftung LebensBlicke & Strategien der Öffentlichkeitsarbeit:

Die Stiftung LebensBlicke hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der Darmkrebstoten in Deutschland bis zum Jahr 2010 zu halbieren. Mit etwa 71.400 Neuerkrankungen und 28.900 Todesfällen pro Jahr allein in Deutschland sind kolorektale Karzinome (hierunter werden Karzinome des Enddarms und des Dickdarms zusammengefasst) die zweithäufigste Todesursache bei bösartigen Tumoren. Neben der Aufklärung der Bevölkerung zum mündigen Umgang mit den eigenen Lebensrisiken ist, unterstützen wir auch Medienvertreter und Ärzteschaft bei der Vertiefung ihrer Kenntnisse über Chancen & Risiken der Vorsorge/Früherkennung. Denn nur durch fundierte sachliche Faktendarstellung in den Medien und gut informierte Mediziner können sich interessierte Gesunde und Menschen mit besonderen individuellen Risiken korrekt über den individuellen Stellenwert einer Vorsorgemaßnahme informieren.


Hier sind die 3 Kernfragen, die Sie sich stellen sollten, wenn Sie sich mit einem "Risiko" (in diesm Fall z.B. das Gesundheitsrisiko "Darmkrebs") beschäftigen:

  • ist es häufig?
  • betrifft es mich?
  • ist es beeinflussbar?

Für Ihre eigene Bewertung derzeit verfügbarer Vorsorgekonzepte und Maßnahmen(z.B.: Vorsorgedarmspiegelung) benötigen Sie Wissen:

  • über das Potential & die Grenzen bzw. Risiken, 
  • über den Ablauf & die Qualitätstandards,
  • über die Bedeutung erhobener Befunde & Heilungschancen bei Frühdiagnose.

Hier lesen Sie, was jeder Hamburger & jede Hamburgerin zur "aufgeklärten Entscheidung" über Fragen der eigenen Gesundheitsvorsorge wissen sollte.

Warum AUFKLÄRUNG so wichtig ist, und warum ICH NICHT für das UNWISSEN der Bevölkerung verantwortlich sein will, zeigen beispielhaft einige voreingenommene und durch Alltagsirrtümer gefärbte Einträge im Diskussionsforum zu unserer Bundestagspetition "zur Etablierung eines flächendeckenden bevölkerungsbezogenen Einladungsverfahrens zum Darmkrebsscreening" vom 16.10.2009,

https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=7638,

die wohl als repräsentativ für das Weltbild eines relevanten Teils der Bevölkerung angesehen werden müssen. Hierzu kann ich mir den Spruch von DIETER NUHR nicht verkneifen: "Demokratie heißt, man DARF eine eigenen Meinung haben, man MUSS aber nicht".

Schauen wir uns doch im Folgenden einmal das Umfeld und die Fakten an,  aus der wir unsere Meinung bilden (...sollten...).

Sachliche öffentliche Diskussion & Aufklärung

In regelmäßigen Abständen beklagen die Medien eine undifferenzierte Motivation der Bevölkerung zur Teilnahme an Vorsorge bzw. Früherkennungsmaßnahmen durch „emotionalisierende“ Kampagnen. Sie berufen sich auf durchaus berechtigte Kritik, die bereits seit Jahren von namhaften Gesundheitswissenschaftlern vorgebracht wird. Kernpunkte dieser Kritik sind:

1): Belege für eine günstige Nutzen/Risiko-Abwägung von Vorsorgeuntersuchungen liegen nicht für alle „beworbenen“ Vorsorgemaßnahmen in ausreichendem Maß vor, diese Begrenzungen werden Vorsorgebefürwortern nicht ausreichend kommuniziert.

2): Der Nutzen wird vielfach übertrieben und die Risiken unzureichend dargestellt, statistische Aussagen werden oft irreführend formuliert, so das die Bevölkerung (und auch viele Ärzte) nicht in der Lage sind, die Daten richtig zu interpretieren.

3): In Konsequenz stünde zu befürchten, dass wichtige Ressourcen unseres Gesundheitssystems möglicherweise an „Gesunde“ verschwendet werden, ohne wirklich „mehr“ Gesundheit in der Bevölkerung zu erzeugen.

Leider ist der Stil der Diskussion in den Medien oft "skandalisierend", und somit genau so wenig rational abwägend, wie viele „emotionalisierende“ Vorsorge-Kampagnen, deren Mangel an Seriosität angemahnt wird. Fruchtbar für die Interessen beider Seiten wäre eine deeskalierende öffentliche Diskussion, hier hat vor allem das aktive Zuhören einen besonderen Stellenwert. Verständnis haben für die Argumente & Bedürfnisse der "Gegenseite", auch wenn wir nicht mit allem einverstanden sind. Große Bedeutung kommt dabei einem entspannten Diskussionsklima zu. Nur so gelingt es, die Sachebene (statistische Datenlage & Expertenwissen) & Gefühlsebene (Ängste & Bedenken der Bevölkerung) zu trennen, berechtigte Informations- und Sicherheitsbedürfnisse der Bevölkerung zu benennen & zu respektieren, und unter Verwendung neutraler Beurteilungskriterien individuelle Entscheidungsstrategien zu erarbeiten.

Dass solch ein behutsamer und differenzierter Umgang mit Vorsorgethemen den medialen Gesetzen unserer Zeitwiderspricht, dieses Argument unterschätzt das Niveau und die Intelligenz unserer Mitbürger. Und es verhöhnt das Selbstverständnis unserer Gesellschaftsform, die von einem mündigen Bürger ausgeht, der informiert ist, der Argumente abwägt, eine angemessene fundierte eigene Meinung hat, und sich als gleichberechtigter Teil seiner Umwelt sieht. Mündiges Bürgertum bedeutet aber auch Reife beim Umgang mit den Schwächen des eigenen Standpunktes (dies gilt für Vorsorgebefürworter & -kritiker). Jeder Fehler, der durch inhaltliche Auseinandersetzung mit der Gegenposition in uns selbst erkannt wurde, sollte korrigiert werden. Nur so verbessert sich unsere eigene Gedankenwelt! Formelhafte „versimpelte“ Botschaften, 1-Minuten Fernsehbeiträge oder ein nicht-repräsentativer Bericht von Einzelschicksalen bringen vielleicht Aufmerksamkeit, aber kaum Erkenntnis. 

Mit Recht ist zu fordern, dass jede Medienkampagne von seriöser Aufklärungarbeit über die vorliegende Datenlage begleitet sein muss, dies umfaßt auch die Vermittlung von Handwerkszeug, um die Daten richtig interpretieren zu können. Schliesslich muss jeder Entschluss für bzw. gegen Vorsorgemaßnahmen nach meinem Selbstverständnis AUSNAHMSLOS eine von einem qualifizierten Arzt begleitete bewusste Entscheidung unter Berücksichtigung der individuellen Nutzen/Risiko-Konstellation sein.

Alle Interressierten, die sich ergebnisoffen einer öffentlichen Diskussion über die aktuelle wissenschaftlichen Datenlage stellen, und nicht schon vor Beginn der Diskussion & ohne Berücksichtigung der individuellen Situation ihr vorgefasstes Urteil zum Thema Vorsorge IMMER SCHON IM VORHINEIN KENNEN, lade ich hiermit herzlich ein, mir Ihre eigene Sicht der Dinge mitteilen, um so durch Ihre Anregungen die Qualität des vorliegenden Textes kontinuierlich weiter zu verbessern.

    

Wissenschaftliche Medizin ("Wissen unter Vorbehalt")

Wissenschaftlichkeit beschreibt die Art, wie eine Erkenntnis gewonnen wurde. Wissenschaftlichkeit ist darüber hinaus eine Haltung, Sie beschreibt grundsätzlich den Stil und Umgang mit dem, was wir zu wissen glauben und dem, was wir wissen möchten. Wissenschaft ist unvoreingenommen, sie kennt kein erwünschtes oder unerwünschtes Resultat. Hier wir die Realität beobachtet, und Annahmen, Modelle bzw. Theorien werden überprüft. Unerwartete Ergebnisse dürfen nicht ignoriert werden, sondern erzwingen eine Abänderung der Annahmen. Wissenschaftliche Erkenntnis ist also ein evolutionärer Prozess. Wissenschaft ist (selbst)kritisch, sie überprüft das Bild, das wir uns von der Welt machen, ständig an den Fakten der Realität. Wissenschaft wird sich nicht einbilden, daß unser Bild von der Realität jemals vollständig mit der Realität übereinstimmen könnte. Aufgrund der methodischen Begrenztheit bietet Wissenschaft keine absolut sicheren Beweise für die Korrektheit einer Theorie, wissenschaftliches Wissen ist dem Wesen nach immer vorläufig. Mit diesem Geburtsfehler muss jede Wissenschaft, also auch die wissenschaftliche Medizin leben. Bei sehr sorgfältiger Planung, und Investition von viel Zeit und Geld lässt sich die Irrtumswahrscheinlichkeit für eine Annahme maximal bis auf den Level „an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit“ reduzieren. Soweit zur Theorie. In der Praxis muss bei den meisten „medizinischen Wahrheiten“ mit höheren Irrtumswahrscheinlichkeiten der wissenschaftlichen Erkenntnis gerechnet werden. Dies ist auch die Folge allgemeiner wirtschaftlicher Rahmenbedingungen des Wissenschaftsbetriebs, in dem - als Spiegelbild der Gesellschaft - finanzielle Mittel für Fragestellungen weder in der Industrie noch in den medizinischen Hochschulen ohne den Blick auf zu erwartende Brauchbarkeit (Neuigkeitswert, voraussichtliche Bedeutsamkeit der Erkenntnis, Profit) für dem Forschenden selbst oder seine Förderer zur Verfügung gestellt werden. Andererseits dürfen wir nicht übersehen, daß sich das sogenannte „medizinische Wissen“ etwa alle 5 Jahre verdoppelt, so dass die Wissenschaft mit der Überprüfung neuer Daten und Theorien auch unter optimalen Bedingungen kaum nachkommen könnte.

Eine pragmatische Lösung, um mit der Flut an medizinischen Erkenntnissen umzugehen, wurde in Deutschland vor etwa 15 Jahren durch die Einführung der „evidence based medicine“ (=Beweis-basierte Medizin gemäss "Ärztlichem Zentrum für Qualität") versucht. Die auf der Seite "schnell schlau" zitierten aktuellen S3-Leitlinien deutscher medizinischer Fachgesellschaften folgen tatsächlich bereits den Vorgaben der "evidence based medicine". 

Als höchste Stufe des wissenschaftlichen Wissens (Evidenz-Level 1) gelten hier übereinstimmende Befunde in mehreren mit grossem Aufwand durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen, sogenannte „doppel-blind randomisierte Studien“, die durch sorgfältige Untersuchungsanordnung Fehlinterpretationen und Irrtümer minimieren. Die geringste Evidenz wird in diesem Rahmen den Expertenmeinungen (Evidenz-Level 4b) zugesprochen. Der aktuelle Slogan „weg von der Eminenz-basierten und hin zur Evidenz-basierten Medizin“ zeigt, wie gefährdet die wissenschaftliche Haltung in der Medizin selbst bis in die jüngste Vergangenheit war, und wie achtsam wir das zarte Pflänzchen der rationalen medizinisch-naturwissenschaftlichen Haltung weiter behüten müssen. Hüten müssen wir uns aber genauso vor Schwarz-Weiß-Denken, vor extremer Anspruchshaltung und Maximalforderungen eines "maßlosen Evidenz-Dogma". Die Schutzwirkung von Fallschirm, Airbag und Motorradhelm muss nicht in einer Studie mit Kontrollgruppe bewiesen werden - oder möchten Sie selbst gerne in der Kontrollgruppe teilnehmen?

Bei einer hohen Eindeutigkeit von Ergebnissen verbietet sich eine Vergleichsstudie schon aus ethischen Gründen. Die Tatsache, dass es zu einer Vorsorgemaßnahme keine Daten in der Qualität des Evidenz-Levels 1 gibt, darf daher nicht automatisch so interpretiert werden, dass die Beurteilung negativ ausfallen müsste, oder prägnanter: Fehlen von bewiesenem Nutzen und Fehlen von Nutzen ist nicht das Gleiche. Ein weiterer Grund, nicht immer sofort Studien höchster Qualität für jede neue Hypothese zu fordern, ist im Wesen von Naturwissenschaft begründet (s.o.), denn nicht jede schlüssige Theorie ist auch wirklich das Papier wert ist, auf dem sie steht! Nicht jede wissenschaftliche „Meldung“ bringt es ins Lehrbuch, und das ist gut so. Andererseits bringen es viele vorläufige Ergebnisse als „neue Wahrheiten“ in die Laienpresse, in der Regel leider ohne Ihren weiteren Werdegang bis in den Orkus, die ewige Kläranlage der Ideen, stets gewissenhaft weiter zu begleiten. So müssen wir Ärzte besonders beim Umgang mit der Laienpresse darauf achten, das Ergebnisse mit geringer Evidenzstärke nicht als gesicherte wissenschaftliche Tatsache kommuniziert werden, ebensowenig dürfen geringfügige Effekte übertrieben dargestellt werden (z.B.: als „relative Risikoreduktion“) um kleine statistisch signifikante Effekte künstlich aufzublasen. Dies gilt natürlich auch dann, wenn die Ergebnisse in die eigene Argumentation passen, denn: „gut gemeint“ ist nicht immer „gut getan“.


Gesundheitsvorsorge - oder "vom Schlechten des Guten"

Gesundheitsvorsorge ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, mit dem neben den zuständigen nationalen Behörden und Institutionen auch internationale Gremien (WHO, EU-Gesundheitsminister) befasst sind. Gegenstand des Interesses ist

hierbei eine Gruppe von Menschen (die Bevölkerung einer Stadt, eines Landes, oder der ganzen Erde),

nie ein Einzelner. Und allgemeine "Vorsorgekampagnien der Bevölkerung" sind dem Wesen nach ein Tauschgeschäft (eine grössere Anzahl von Gesunden muss untersucht werden, um einer kleineren Anzahl Betroffener zu nutzen). Diese Erkenntnis ist wichtig, um Interessenkonflikte wahrzunehmen, die sich zwangsweise ergeben, wenn die Interessen von einzelnen gegen die Interessen der Gemeinschaft abzuwägen sind. Denn wir sind keine „Vulkanier“. Anders als Mr. Spock, der uns in "Star Trek II - Der Zorn des Khan" das Selbstverständnis eines selbstlosen Individuums, der eigene Bedürfnisse im Dienste der Allgemeinheit zurückzustellen bereit ist, in den Worten mitteilt "das Wohl der Vielen wiegt mehr als das Wohl der Wenigen; oder des Einzelnen", sind die meißten Menschen doch eigennützig. Der Anspruch, nicht die Maximierung des eigenen Glücks, sondern die Minimierung der Gesamtheit des Leids im Mittelpunkt allen Stebens stehen soll, stellt in unserer Gesellschaft vielfach eine Überforderung dar.

Gesundheitsvorsorge ist ein Thema, das sehr viele Chancen bietet, öffentlichkeits-wirksam „Gutes zu tun“. Es ist aber auch eine wunderbare Spielwiese für die symbolische Selbsterweiterung der Gesundheitsakteure, und auch den Image-Transfer Dritter, die sich hier mit dem Glanz einer GUTEN Sache schmücken können. Die Frage "cui bono" (Lateinisch: Wem zum Vorteil?) ist immer berechtigt, darüber hinaus aber immer auch die Frage, was denn wohl der "eigene Vorteil", bzw. die eigene Motivation der Beschäftigung mit Gesundheitsthemen ist (für meine eigene Person verweise ich auf das Kapiteldieser Webpage). Gerade bei vordergründig "selbstlos vorgetragenen Motiven" ist Misstrauen angebracht. "Vom Schlechten im Guten - oder Hekates Lösungen“ heißt das wunderbare Buch von Paul Watzkawick (1986), in dem humorvoll und weise erarbeitet wird, daß „gut gemeint“ oft das Gegenteil von „gut gemacht“ ist. Die folgenden Zitate aus Watzlawicks Buch passen gleichermaßen für die kompromisslosen Kritiker und die absoluten Befürworter einer gesellschaftlich organisierten bzw. sanktionierten Gesundheitsvorsorge: „Das zwangsweise Gute ist schon nicht mehr das Gute, es wird so zum Bösen“( Berdjajew, Zeitgenosse von Dostojewski). „Jedes psychologische Extrem enthält im Geheimen seinen Gegensatz oder steht sonstwie mit diesem in nächster und wesentlicher Beziehung“ (C.G. Jung). „Wer das summum bonum will, setzt damit auch schon das summum malum.

Das kompromisslose Streben nach dem höchsten Gut – sei es Sicherheit, Vaterland, Friede, Freiheit, Glück oder was auch immer – ist eine Patentlösung, oder (mit Verlaub, Herr geheimer Rat) eine Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft (P .Watzlawick).“


Präventive oder kurative Medizin – der unterschätzte Unterschied

ein Mensch der zur Behandlung oder Abklärung von Beschwerden den Arzt aufsucht, hat bereits aufgrund der Beschwerden ein erhöhtes Risiko an einer ernsthaften Erkrankung zu leiden, und wird bereit sein, ein gewisses Risiko einzugehen, um eine Diagnose gestellt zu bekommen, oder seine Beschwerden zu lindern.

Ganz anders ist das aber bei der Motivation zu „Krebsfrüherkennungsmassnahmen“. Vorsorgeuntersuchungen richten sich grundsätzlich an gesunde bzw. allenfalls potentiell erkrankte, symptomfreie Personen. In diesem Fall sind besonders hohe Anforderungen an die Evidenz der Wirksamkeit und Risikoarmut von Vorsorgemaßnahmen zu stellen.

Dementsprechend definiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch streng die folgenden Bedingungen für sinnvolle Krebsfrüherkennungsmassnahmen:

  • (1) die Tumorart muss häufig und oft tödlich sein,

  • (2) der Tumor muss sich anfangs langsam entwickeln, es gibt eine günstige Phase, in der eine Heilung möglich ist,

  • (3) der Tumor muss in der günstigen Phase erkennbar sein,

  • (4) die Untersuchungsmethode sollte einfach, akzeptabel & ungefährlich sein,

  • (5) der Nutzen der Tumorsuche sollte den möglichen Schaden überwiegen.

Für eine seriöse Information über Vorsorgeuntersuchungen ist zu fordern, dass sie Auskunft darüber erteilt, ob und mit welcher Evidenzstärke diese Bedingungen der WHO für den Sinn einer Vorsorgemaßnahme erfüllt werden. 


Arzt, Patient & Statistik

Dilemma der Ärzte, die eine bzw. einen einzelnen Ratsuchenden zur Frage Nutzen und Risiko einer Vorsorgeuntersuchung individuell beraten sollen ist, dass in der Schulmedizin übliches Wissen immer nur in Form von statistischen Aussagen vorliegt, von Prozentzahlen, Wahrscheinlichkeiten und Irrtumswahrscheinlichkeiten, und das diese Daten eine exakte Vorhersage für den individuellen Einzelfall nicht erlauben. Je erfahrener Ärzte/Ärztinnen auf dem Gebiet der Vorsorgemedizin sind, desto genauer wird es Ihnen dennoch gelingen, aufgrund relevanter Einflussfaktoren (z.B. biologisches Alter, Begleiterkrankungen, etc.) das individuelle Nutzen/Risiko Verhältnis abzuschätzen. Unbefriedigend am Prinzip der Vorsorge wird für uns Ärzte dabei aber wohl immer bleiben, dass es sich im Kern um einen „zufallsbestimmten“ Tauschhandel von Nutzen & Risiko unter allen Untersuchten handelt. Dabei können im Einzelfall Nebenwirkungen auch bei Menschen auftreten, die von der Vorsorgeuntersuchung gar nicht profitiert haben (z.B. einfach, weil sie gesund sind, und es auch ohne Vorsorge geblieben wären). Selbst bei Einstufung in die geringste Risikoklasse istfür den Einzelfall nicht vorherzusagen, ob der/die Betroffene zu den 99,9 Prozent der Menschen gehört, bei denen KEINE Nebenwirkung im Rahmen der Vorsorgemaßnahme auftritt, oder ob es sich um genau den einen Pechvogel handelt, der Schaden nimmt. Genau hier kommt es zum Konflikt mit dem Prinzip des „primum nihil nocere“ (lat.: zuerst einmal nicht schaden), einem Grundsatz, den die hippokratische Tradition ins Zentrum ihres Begriffs des moralisch geforderten ärztlichen Handelns stellt. Dieser antiken Tradition zufolge soll der Arzt in seinem Bemühen, dem ihm anvertrauten Individuum zu helfen, vor allem darauf achten, ihm nicht zu schaden. Unärztlich erscheint mir daher jede Motivation zu Vorsorgeuntersuchungen, die relevante Risiken, so unwahrscheinlich sie auch sein mögen, verschweigt. Im Grundsatz kann hier das offene Geheimnis verraten werden, daß allen medizinischen Aussagen, die die Worte „immer“ oder „nie“ enthalten, mit größter Skepsis zu begegnen ist.

Auf der anderen Seite kenne ich Patienten, die in Ihrem Leben besessen sind nach absoluter Sicherheit, die also selbst süchtig nach dem „immer“ & „nie“ verlangen, ganz im Sinne eines weiteren empfehlenswerten Kapitels in Watzlawicks Buch (s.o.) mit der Überschrift „Sicherheit – des Menschen Erbfeind jederzeit“. Kernthese diese Kapitels ist, dass keine Wissenschaft (und für den Agnostiker gilt: auch keine Theologie) der Suche nach absolutem Halt des Individuums, nach allgemeingültigen und sicheren Gesetzmäßigkeiten befriedigende Nahrung bieten kann. Menschen, denen das Urvertrauen erst genommen ist, solchermaßen Verunsicherte schädigen sich durch nichts mehr, als durch die Suche nach der Sicherheit selbst.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß es Menschen gibt, die vor Ihrer übersteigerten Suche nach Sicherheit geschützt werden müssen, dabei sind gerade sie besonders empfänglich für Vorsorge-Kampagnen. Verantwortungsvoller Umgang mit Vorsorgeinteressierten verlangt also neben medizinischem Sachverstand auch die psychologische Einfühlung. Genau so wichtig, wie die entschiedene Darstellung des individuellen Nutzens einer Massnahme (insbesondere bei klar erkennbaren individuellen Risikofaktoren bezüglich eigener Lebensführung, Krankengeschichte oder Hinweis auf erbliche Belastung) ist daher stets die Einordnung in die allgemeinen Lebensrisiken der Person. Ist die Risikowahrnehmung übersteigert, zeigt sich ein maßloses Sicherheitsbedürfnis, so sind wir Ärzte aufgefordert, diese Mitbürger(innen) einfühlsam zu führen und vor sich selbst zu schützen.



Als Hilfsmittel zur Abschätzung der Bedeutung eines Risikos (und somit der Dringlichkeit, sich mit dem Risiko auseinander zu setzen) hier eine Liste, die bezogen auf die in Deutschland lebenden Menschen (ca. 80 Mio.) und die jährliche Sterberate (827.155) für das Jahr 2007 angibt, in welcher Grössenordnung das

Sterberisiko in Bezug auf ausgewählte Lebensrisiken lag:

- Herzkreislauf- & Krebskrankheiten:              1:              130

- Selbstmord                                                   1:           8.000

- Strassenverkehrsunfall                                 1:         16.000

- Mord                                                             1:       200.000

- Blitzschlag                                                    1:  10.000.000

- Flugverkehr (deutsche Gesellschaften)                            0

- Terroranschäge in Deutschland                                       0

Zu berücksichtigen ist bei einer individuellen Sicht der Dinge natürlich die Abhängigkeit vieler relevanter Risiken von einem oder mehreren der folgenden Faktoren:

LEBENSSTIL/LEBENSSITUATION, LEBENSALTER, GESCHLECHT, GENETISCHE VERANLAGUNG.


Handwerkszeug zur Beurteilung von Vorsorgemaßnahmen

in jeder Epoche der Menschheitsgeschichte waren die relevanten Lebensrisiken abhängig vom gesellschaftlichen Umfeld (z.B. allgemeiner Wohlstand, innerer &  äußerer Frieden). Uns ist viel zu wenig bewusst, was für ein großes Privileg unser heutiger „Anspruch“ auf ein langes beschwerdefreies Leben in der Menschheitsgeschichte darstellt. Bedingt durch die hohe Lebenserwartung dominieren in der „ersten Welt“ erstmals nicht mehr Infektionserkrankungen als wichtigste Sterbeursache, sondern die „Alterskrankheiten“ Herz-Kreislauf Erkrankungen und Krebs. Alterskrankheiten bedeutet, daß die Krankheitswahrscheinlichkeit im Laufe unseres Lebens grösser wird. Noch mal im Klartext, insbesondere für alle Kritiker unserer modernen Lebensumwelt,

(auch wenn ich selbstredend global-ökologische Zukunftssorgen mit Ihnen teile): unsere derzeitigen günstigen Lebensbedingungen erlauben uns überhaupt erst, so alt zu werden, dass diese Altersrisiken für uns relevant werden können. Für die meisten dieser Krankheiten gilt übrigens, daß sie bei Menschen mit ungesunder Lebensweise (wenig Bewegung, wenig Obst & keine mediterrane Kost, Übergewicht, Rauchen, Alkohol etc.) erheblich früher und häufiger auftreten können. Dies beinhaltet eine gute Nachricht ("1/3 der prognoserelevanten Alterserkrankungen kann durch gesunde Lebensweise verhindert oder zumindestens um Jahre hinausgezögert werden") und eine schlechte Nachricht: 2/3 der prognoserelevanten Erkrankungen bleiben schicksalshaft. Somit behalten die Vorsorgemöglichkeiten auch bei Personen, die "alles richtig machen" auch weiterhin ihren Stellenwert.

„Luxusproblem“ unserer Zeit ist, dass die Beschäftigung mit einem bestimmten Altersrisiko eigentlich nur für die Personen sinnvoll ist, die zuvor nicht schon vorher aufgrund einer anderen Ursache versterben werden. Aber wie soll man das vorher wissen? Abhängig vom Lebensstil und Alter, der genetischen Veranlagung

und von Umweltfaktoren lebt jedes Individuum in seiner eigenen (teils durchaus beeinflussbaren!) Risikowelt. Das in Ökonomie und Technik entwickelte klassische Risikokonzept definiert Risiko als mögliche Schadensfolge eines Ereignisses (=Größenordnung der Konsequenzen x Wahrscheinlichkeit für deren Eintreten). Zur schwerwiegendsten Konsequenz "Tod" habe ich Ihnen im vorigen Abschnitt bereits eine Beispielliste mit Wahrscheinlichkeiten zusammengestellt. Die subjektive individuelle Wahrnehmung der Risiken ist dabei in der Regel aber verzerrt. Der Wissenschaftskabarettist Vince Ebert schildert dieses Phänomen sinngemäss: "wie viele Menschen gehen beispielsweise zum Kiosk, um Zigaretten (…das Risiko, an Lungenkrebs zu sterben ist für Raucher 1 : 1000(?), na und, das trifft mich schon nicht…) und gleichzeitig ein Lotto-Los mit Superzahl zu kaufen (…die Chance auf einen Hauptgewinn ist 1: 140.000.000(?), also eins zu hundervierzig Millionen… Klasse, da gewinne ich bestimmt...).

Der vorliegende Text erläutert die Prinzipien der Nutzen- & Risikoabwägung, um Sie bei Ihrer individuellen Entscheidungsfindung - gemeinsam mit den von Ihnen konsultierten Ärzte - zu unterstützen. Eine Übersicht über die relevanten Krankheitsrisiken (KREBS & HERZKREISLAUF) bezogen auf Männer und Frauen und unterschiedliche Altersgruppen, unter besonderer Berücksichtigung von Rauchern und Nichtrauchern, finden Sie in dem informativen Buch von Klaus Koch „Untersuchungen zur Früherkennung – KREBS, Nutzen und Risiken“ der Stiftung Warentest (2005). Die dort publizierten Risiko-Tabellen verwende ich selbst regelmäßig im Rahmen meiner Tätigkeit für die Stiftung Lebensblicke e.V., wenn es gilt, das erste WHO Kriterium zu überprüfen: „die Tumorart muss häufig und oft tödlich sein.“ Auch für das zweite Kriterium findet sich eine didaktisch hervorragende Erläuterung im Buch von Klaus Koch. Leider ist seit der Auflage 2005 keine Aktualisierung erfolgt, daher erfolgt die dortige Beurteilung des dritte Kriterium ("die Methode muss den Tumor in der günstigen Phase erkennen können, und einfach, akzeptabel und ungefährlich sein") naturgemäß nicht mehr ganz aktuell unter Berücksichtigung neuester Studiendaten und zwischenzeitig neuentwickelter bzw. verfeinerter Methoden und Techniken. So sorgfältig sie in dem Buch von Koch auch versucht wurde, die Abwägung des individuellen Nutzens, des vierten Kriterium ("der Nutzen der Suche sollte den Schaden überwiegen"), kann niemals abschließend und allgemeingültig aus einem Buch herausgelesen werden. Die individuelle Beurteilung muss stets aktuell zum Zeitpunkt der anstehenden Entscheidung erfolgen, unter Berücksichtigung der allgemeinen Datenlage sowie der Qualität der ausgewählten Einrichtung, in der die Maßnahme durchgeführt werden soll. Wie kann das gehen?

Im Folgenden biete ich Ihnen eine Liste mit möglichen Fragen/Kriterien zur Überprüfung der Qualität eines Vorsorgeangebotes, die für Ihre Entscheidung hilfreich sein können. 

Mit Hilfe dieser Fragen lassen sich übrigens nicht nur Maßnahmen zur Darmkrebsfrüherkennung, sondern alle aktuellen &  alle zukünftig entwickelten Verfahren zur Krankheitsvorsorge überprüfen. Vergleichen Sie dazu bitte auch meine eigene Bewertung von Vorsorge & Früherkennungsmaßnahmen auf der Seite "Überblick" dieser Homepage. Jeder sollte sich für das Informationsgespräch mit einem Arzt des Vertrauens die Fragen aussuchen, die am Bedeutsamsten erscheinen. Wie immer im Leben ist Augenmaß gefragt. Der Qualitätsanspruch einer medizinischen Einrichtung ist in der Regel schon beim ersten Eindruck sichtbar, was wirklich "dahinter steckt", können Sie nun also selbst überprüfen!

ACHTUNG! Wer sich für die Überprüfung der "vollständigen" Liste entscheidet, sollte bitte jetzt gleich den Artikel noch einmal lesen, oder womöglich auf die entsprechende Vorsorgemaßnahme lieber ganz verzichten.

1) Arzt-Patienten Verhältnis (=therapeutische Haltung & Aufklärungsqualität)

  • Berücksichtigung individueller Situation & Beratung über Alternativen (für Darmkrebsvorsorge ist dies neben der totalen Darmspiegelung mit der Möglichkeit zur Polypenentfernung in gleicher Sitzung vor allem der Testbrief auf Stuhl im Blut, der weniger Risiken birgt, dafür allerdings im Vergleich zur Darmspiegelung mehr Befunde übersieht, und keine definitive Diagnose und keine Entfernung von Polypen, also potentieller Krebsvorstufen, erlaubt).

  • Förderung einer vernünftigen Lebensführung (gesunder mediteraner Ernährungsstil, Vermeidung von Übergewicht, Förderung von Bewegung, Verzicht auf Rauchen & Minimierung von Alkohol).

  • Zeit ausreichend zur Erörterung, Respektierung der Entscheidung des Patienten.

  • Kriterienkatalog für die Bedingungen einer sinnvoller Krebsfrüherkennung Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist bekannt, Arzt weiss, mit welcher Evidenzstärke, also Sicherheit die Massnahme empfohlen werden kann.

2) Strukturqualität (=wie gut wird gearbeitet?)

  • Qualitätsmanagement (QM-Handbuch, Beschwerdemanagement).

  • Regelungen für optimale Patientensicherheit (Entlassungsmanagement, Nachbetreuung, Erreichbarkeit, Netzwerk für qualifizierte Weiterversorgung).

  • Struktuierte „Behandlungspfade“ besonders für den Fall, daß die Vorsorgeuntersuchung einen Befund ergibt (Information über die Häufigkeit falsch positiver Befunde, um unnötige Sorgen zu minimieren, Angebot qualifizierter Einrichtungen zur weiteren Diagnostik und Behandlung. Beispiel für einen Behandlungpfad ist der integrierte Versorgungspfad der TK „Familien vor Darmkrebs schützen“)

  • Leitliniengerechte Methodenqualität (Narkosestandard, Hygienestandard gemäss aktuellen RKI Richtlinien, KV Qualitätssiegel).

3) Ergebnisqualität (=mein Risiko & mein Nutzen?)

 

Absolutes Risiko (=Ist es für meine eigene Risikowelt ein relevantes Risiko? Wieviele Menschen mit MEINEN risikorelevanten Eigenschaften erkranken - z.B.: jährlich?).

Risikoreduktion(=Wie effektiv kann ich mein Risiko durch die Maßnahme senken?).

PPV - positiv prädiktiver Wert (= wie sicher ist bei "positivem" Resultat, dass bei mir wirklich eine ernsthafte Erkrankung vorliegt?).

NPV- negativ prädiktiver Wert (=Wie sicher ist bei einem Normalbefund die Krankheit wirklich bei mir ausgeschlossen?).

Zahl der durch Vorsorge entdeckten Erkrankungen (= Wie viele Erkrankungen werden durch die Vorsorge (z.B.: pro Jahr) neu entdeckt?) .

NND - number needed to diagnose, Nutzenzahl (=Anzahl von Untersuchungen, um die Erkrankung bei 1 Person zu erkennen).

NNT number needed to treat, Nutzenzahl  (=Anzahl von Untersuchungen, um die Erkrankung bei 1 Person zu heilen).

NNC number needed to cure  Heilungszahl (=Anzahl von Patienten, die behandelt werden müssen, um einen Patienten zu heilen z.B.: pro Jahr und bezogen auf Hamburg oder Deutschland).

NNH number needed to harm, Schadenszahl  (=Anzahl Untersuchter, bis durch Screening einer Person Schaden zugefügt wird).

 NNK number needed to kill, Schadenszahl  (=tödliche Komplikationen durch die Maßnahme im Verhältnis zur Anzahl Untersuchter Personen).

 Absolute Zahl tödlicher Komplikationen durch die Maßnahme pro Jahr (z.B.: bezogen auf alle derartigen Untersuchungen in Deutschland).



Aktuelle Kennzahlen zur Vorsorge-Darmspiegelung

(Evidenz-Level für beschreibbare Effekte)

Absolutes Risiko:


es gab im Jahr 2008 ca. 73.000 Neuerkrankungen und 27000 Todesfälle pro Jahr in Deutschland. Gemäss einer Auswertung von Klaus Koch (Quelle: „Untersuchungen zur Früherkennung – KREBS, Nutzen und Risiken“ der Stiftung Warentest (2005)) sterben Bezogen auf 10.000 Menschen vom 61. bis zum 80. Lebensjahr derzeit innerhalb der nächsten 10 Jahre etwa 200 an Darmkrebs, also jede fünfzigste Person. Bezogen auf Hamburg ergeben die Zahlen des im Internet einsehbaren regionalen Krebsregisters eine Neuerkrankungsrate von mindestens 1000 Personen mit kolorektalen Karzinomen jährlich, bei einer Sterblichkeit von knapp 40%, analog zu den gesamtdeutschen Zahlen, ist also alleine in Hamburg mit mindestens 400 Toten jährlich zu rechnen.


NPV- negativ prädiktiver Wert:

also wie sicher ist bei Normalbefund die Krankheit auszuschliessen? Darmkrebs ist bei guten Untersuchungsbedingungen (sauberer Darm) und guter Untersuchungstechnik mit sehr hoher Sicherheit auszuschliessen (97% und besser). Bereits seit vielen Jahren ist die Untersuchungstechnik soweit entwickelt, dass darüberhiaus auch 95% aller Polypen ab 10mm gefunden werden können (Meinhard Classen et al., Georg Thieme Verlag, 2004 ISBN 3131324015, 9783131324016). Nach unseren eigenen vorliegenden Daten (http://www.olympus.de/corporate/images/Oly-Info_II_06.pdf) ist davonauszugehen, dass die Sorgfalt der Untersuchung, die Untersuchungstechnik und die Qualität der Darmvorbereitung maßgeblich über die Qualität der Untersuchung entscheidet, und das auch deutlich kleinere Befunde bei guten Untersuchungsbedingungen zuverlässig erkannt werden können. Auch andere Studien legen nahe, dass die individuelle Sorgfalt des Untersuchungsteams der Schlüssel zu einer hohen Polypen-Auffinderate ist. (z.B.: impact of endoscopist withdrawal speed on polyp yield: implications for optimal colonoscopy withdrawal time.Simmons DT, Harewood GC, Baron TH, Petersen BT, Wang KK, Boyd Enders F,Ott BJ; Alim Pharmacol Ther 2006; 24: 965-971). (EVIDENZLEVEL: 3)

NNT Nutzenzahl:

Bei deutschlandweit jährlich 71.400 Neuerkrankungen wurden pro Jahr (2006) nur 3.231 Fälle mit kolorektalen Karzinomen im Rahmen einer Vorsorgedarmspiegelung diagnostiziert, dies erklärt sich über die auch weiterhin aktuell leider noch sehr geringe Teilnehmerate von nur ca. 3% der berechtigten Bevölkerung pro Jahr. NND Nutzenzahl d. Maßnahme (Anzahl von Untersuchungen, um Darmkrebs bei 1 Person zu entdecken): ca. 100 Personen müssen sich einer Vorsorgedarmspiegelung unterziehen, um bei einer Person Darmkrebs zu entdecken (meißt rechtzeitige Entdeckung von Darmkrebs im Frühstadium, die dann in der Regel mit einer guten Prognose verbunden ist. Zahlen für 2006, Vorsorgekoloskopien in Deutschland , Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in der BRD, Berlin 1/2008) (EVIDENZLEVEL: 3)

NNT Nutzenzahl (Polypektomie zur Verhinderung von Darmkrebs bei Nachweis von Polypen in der Vorsorge):

es ist anzunehmen, dass Polypen bei 20 Personen im Rahmen der Vorsorgedarmspiegelung entfernt werden müssen, um Krebs bei einer Person zu verhindern (EVIDENZLEVEL: 4)

Potential zu rettender Leben pro Jahr:

es ist anzunehmen, dass bei vollständiger Inanspruchnahme der Vorsorgedarmspiegelung unter Berücksichtigung der oben aufgeführten Annahmen und Daten deutschlandweit 15000, bezogen auf Hamburg mehr als 200 Darmkrebstodesfälle jährlich verhindert werden könnten. (EVIDENZLEVEL: 4)

NNH (number needed to harm) = Schadenszahl bezüglich des Endpunktes Nachblutung und Darmriß.


zur Schadenszahl liegen offizielle Daten zur Wirksamkeit der Früherkennungs-Koloskopie für das Jahr 2006 vor. Im genannten Zeitraum wurden 529.916 Früherkennungs-Koloskopien ausgewertet. Komplikationen traten in insgesamt 0,26 % aller Vorsorge-Koloskopien auf, davon 0,02% (= 1:5000) Darmeinrisse, 0,16% Blutungen (fast nur nach Polypentfernungen) und ebenfalls sehr selten mit 0,07% Herz/Kreislauf-Nebenwirkungen. Nur eine Minderheit der Komplikationen (ausser den Darmrissen, die in der Regel einen operativen Verschluss erforderlich machen) musste dabei stationär im Krankenhaus aufgenommen werden. (Zahlen für Vorsorgekoloskopie in Deutschland (2006), Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der BRD, Berlin 1/2008).  (EVIDENZLEVEL: 3)


NNK (number needed to kill) = Sterblichkeit bei Durchführung einer Vorsorge-Darmspieglung:

ebensbedrohliche Komplikationen durch die Maßnahme pro Jahr stellen stets ausserordentlich seltene Einzelfälle dar und wird in der Grössenordnung von 1 pro Jahr, also ca. 1: 500.000 Vorsorgeuntersuchungen berichtet. In der Regel stellen sie die Folge einer Verkettung mehrerer ungünstiger Umstände dar, wobei analog zu den Bemühungen in der Luftfahrtindustrie die Sicherheit medizinischer Prozeduren durch Optimierung der Strukturqualität im Rahmen des verpflichtenden Qualitätsmanagements und der schrittweisen Etablierung eines Berichtssystems für „Fehler“ und „Beinahefehler“ in der Medizin kontinuierlich erhöht wird (www.jeder-fehler-zaehlt.de). (EVIDENZLEVEL: 3)

Absolute Häufigkeit von Darmkrebs & Entdeckung im Rahmen der Vorsorgedarmspiegelung:

also der Sicherheit der Diagnose bei einem pathologischen Spiegelungs-Ergebnis kann auf die Daten zur Wirksamkeit der Früherkennungs-Koloskopie in Deutschland für das Jahr 2006 zurückgegriffen werden (Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in der BRD, Berlin 1/2008). Es fanden sich bei 0,9% der Vorsorgedarmspiegelung Krebse. Mehr als 2/3 wurden in einem prognostisch günstigen Stadium entdeckt. Bei 6,6% der Polypen handelte es sich um fortgeschrittene Adenome, in 13,7% um niedriggradige Adenome, und nur in 9,9% um hyperplastische Polypen, die in der Regel nicht mit einem erhöhten Krebsrisiko einhergehen. Befunde, die bei einer Vorsorge-Darmspiegelung gefunden und abgetragen werden, sind also in 9 von 10 Fällen prognostisch relevant (PPV = 90%). (EVIDENZLEVEL: 3)

Zur Abschätzung des PPV (positiv prädiktiver Wert):

in einer aktuellen deutschen Studie aus dem Jahr 2008 fanden sich 95% aller Krebse bei Entdeckung im

Rahmen der Vorsorgedarmspiegelung in einem gut heilbaren Stadium (95% Stadium 1 & 2), hingegen fanden sich im gleichen Zeitraum in der Gruppe, die wegen Symptomen untersucht wurden, nur 61% der Krebse in den günstigen Tumorstadien. (Hüppe et al., Zeitschrift für Gastroenterologie). Auch wenn genaue Zahlen nicht belegt sind, scheinen somit theoretisch alleine durch frühzeitige Entdeckung der Tumore ein großer Teil der Darmkrebstodesfälle durch Vorsorgen vermeidbar. Experten schätzen, dass die Darmspiegelung das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, um bis zu 70% vermindern kann (Quelle: Koch, Untersuchungen zur Früherkennung- Krebs, Nutzen und Risiken, S.108). Ein zusätzlicher Vorteil ergibt sich bei Personen, bei denen sich unbemerkt Polypen gebildet haben, die als langsam wachsende Vorläufer von Darmkrebs gelten. Aus einer amerikanischen Studie lässt sich ableiten, dass im günstigsten Fall bei Teilnahme der gesamten altersentsprechenden Bevölkerung an der Vorsorgekoloskopie bei 9 von 200 Personen eine Erkrankung an Darmkrebs zu vermeiden wäre, wenn hierbei alle relevanten Polypen im Darm entfernt werden würden (Winawer et al. N Engl J Med 329, 1977-1981 (1993),  National Polyp Study). Absolutes Risiko für Darmkrebs nach 7 Jahren = 1:20 bei Polypen-trägern, aber nur 1:200 bei Personen nach Polyp-Entfernung. Zum Vergleich: eine englische Studie zur Bedeutung von Lifestyle Faktoren bei Krankenschwestern zeigt eine deutlich niedrigere Sterblichheit nach 24 Jahren bei 0 Risikofaktoren (Todesrate: 1:500) gegenüber 5 Risikofaktoren (Todesrate 1:100 bei Rauchen, mehr als 1 Glas Alkohol täglich, ungesunder Ernährung, Übergewicht und wenig Bewegung) was der Verhinderung von 4 von 500 Todesfällen über alle Risiken entspricht. (R.M van Dam et al, BMJ 2008;337: A1440) (EVIDENZLEVEL: 3)


NOCH IMMER NICHT GENUG FAKTEN? Weiterführende Informationen unter:
www.lebensblicke.de       www.gastroenterologikum-hh.de.